Wort gegen Wort

Es gibt keine Mitte mehr. Henning May, Sänger der Band AnnenMayKantereit, hat nach der Demonstration von Corona-Leugnern und Regierungskritikern auf Instagram gepostet, er fände Abkürzungen wie “ACAP” (all cops are bastards) eine schlimme Abkürzung, die ihn wütend mache und die Polizei verdiene mehr als Respekt, da viele Polizeibeamte trotz der rechten Tendenzen ihre Arbeit ausführen können. Dafür hat Henning einen Shitstorm sowohl von Linken als auch von Konservativen bekommen, er sei wahlweise zu “linksversifft” oder sei “Stiefellecker der Konservativen”. Dass er einen Post darüber erstellen wollte, dieses sensible Thema des systematischen Rassismus in der Polizei zu betrachten, wurde von den meisten völlig aus den Augen verloren.

Photo by Harrison Haines on Pexels.com

Nun ist es eines der größten Probleme auf Social-Media-Kanälen, nur Schwarz oder Weiß an Meinungen zuzulassen, die Grautöne jedoch völlig außer Acht zu lassen. Besonders beim Thema des Rassismus innerhalb der Polizei und anderer staatlicher Apparate ist ein solches Außer-Acht-Lassen jedoch fast grotesk.

Natürlich hat die Polizei ein Rassismusproblem. Jeder, der in Deutschland oder einem anderen europäischen Land aufgewachsen und erzogen wurde, hat ein Rassismusproblem. Allein das zu erkennen, ist jedoch schon ein erster Schritt, diesen Rassismus selbst zu erkennen, was der deutschen Polizei bisher jedoch fehlt. Eine Studie zu rassistischen Tendenzen innerhalb des Apparats und über strukturellen Rassismus könnte bei der Selbstreflektion helfen. Jedoch ist es ebenso falsch zu behaupten, dass alle Polizisten rassistisch sind wie zu sagen, alle Flüchtlinge wären kriminell. Richtig, ein Polizist kann sich seinen Job aussuchen. Es werden jedoch wenige junge Leute tatsächlich zur Polizei gehen, um ihren Rassismus endlich ausleben zu können. Der Job des Polizisten ist unter jungen Erwachsenen nach wie vor sehr beliebt, er ist anstrengend und erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Glauben an den Rechtsstaat, den es jeden Tag aufs Neue zu verteidigen gilt. Es kann sehr gut sein, dass in der Ausbildung und im Studium die systematischen rassistischen Tendenzen zum Teil weitergegeben werden, was jedoch nicht heißt, dass angehende Polizisten eine Art “Gehirnwäsche” durchlaufen, als Anti-Rassisten in die Ausbildung gehen und als Rassisten daraus hervorkommen. Man tut denjenigen keinen Gefallen, die gegen die rechten Extremisten in den eigenen Reihen ankämpfen und dabei gleichzeitig ihren Job ausüben, wenn man sie alle in die rechte Ecke stellt.

Der Ruck nach Rechts innerhalb der Sicherheitsbehörden und anderen staatlichen Institutionen ist real und merklich spürbar. Das macht wohl jedem Angst, der die Verfassung und die Freiheit in Deutschland als schützenswert empfindet und aus der Vergangenheit gelernt hat. Ob man nun bei der Polizei arbeitet, in einer Firma, auf dem Bau oder im Büro, beim Kampf gegen Verfassungsfeinde sollten wir uns einen und nicht durch Pauschalisierungen trennen.

Published by annikapolis

Politik- und Ethnologiestudentin aus den Bergen in der Großstadt auf der Suche nach dem Journalismus

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